Trendsportarten im Test

Trendsportarten im Test

 

03.10 2011 - Hannoversche Allgemeine Zeitung

 

Der Hocker knallt gegen die Backsteinwand. Stephan Landschütz fängt das Möbelstück kurz vor dem Asphaltboden ab, gekonnt jongliert er es über dem Kopf und zwischen den Beinen, mit dem linken Sneaker kickt er den Hocker in die Luft – ehe er sich, zum Abschluss der Choreografie, auf sein Sportgerät setzt. Hockern nennt Landschütz die eigenwillige Mischung aus Jonglage, Breakdance und Parcours, die er nach Berlin gebracht hat.

Hockern ist eine Trendsportart. Noch ist die Szene um den Wahlberliner überschaubar. Aber wer weiß: Vielleicht hat es das Zeug, das neue Skateboarden zu werden. Oder ist es einfach nur ein kurzer Spaß, den nächstes Jahr keiner mehr kennt? „Trendsportarten sind in ihrer Entstehung etwas Informelles“, sagt Harald Lange, Professor für Sportwissenschaften an der Universität Würzburg. „Es gibt kein festes Regelwerk und kein Vereinswesen. Man kann sie überall ausüben und im Zentrum steht immer ein besonderes Spaßmoment.“

Stephan, der täglich mit dem Plastikklotz trainiert, ist der beste Hockerer. Seit er die „Hocktobermeisterschaften“ gewonnen hat, trägt er den Titel „Meister der Welt“ im Sporthockern. Ein echter Weltmeister kann Stephan nicht sein: „Dafür müssten mindestens acht Nationen an den Wettkämpfen teilnehmen.“ Bis jetzt tritt er nur gegen Bekannte aus Österreich und Holland an. Die Jury entscheidet nach Kriterien wie Wagemut, Erfindergeist und Dynamik der Darbietung.

Beim Training im Hermann-Blankenstein-Park in Berlin-Friedrichshain teilen die Sporthockerer Asphalt und Wiese mit Longboardfahrern, Fußballspielern und Kindern, die gerade laufen lernen. Passanten bleiben stehen und beobachten die Gruppe. Wer da eigentlich skatet und wer mit dem Hocker turnt, ist nicht leicht zu unterscheiden. Locker sitzende Jeans, halblange Haare und dreckige Turnschuhe trägt dort fast jeder – es ist auch das Gesehenwerden, das die Trendsportler genießen.

„Wir versuchen, den öffentlichen Raum in unseren Sport einzubeziehen“, sagt Stephan. Das kann die Backsteinwand sein, gegen die der Diabolo-ähnliche Hocker geworfen wird – oder die graue Hausfassade vor Stephans Laden. Gemeinsam mit seinem Bruder Michael verkauft der Produktdesigner unter dem Namen „Salzig“ dort das Gerät zum Sport. Wer einen neuen Hocker braucht, kommt zu den Brüdern in die Liebigstraße. 99,99 Euro kostet der zwei Kilo schwere, von Stephan entworfene Plastikklotz. Dazu gibt es schwarze „Salzig“-T-Shirts und „Sex Wax“ zu kaufen – Wachs, das auch Surfer für besseren Halt am Brett verwenden. Die Hockerer tragen es für besseren Grip auf die Kanten des Sportgerätes auf.

Bekannt geworden ist das Sporthockern vor allem durch YouTube: Eines der im Sommer veröffentlichten Videos wurde schnell zehntausendfach geklickt – und auch kontrovers diskutiert: „Wann genau wurde sitzen cool?“, fragt ein User ironisch. Stephan lassen solche Kommentare kalt: „Wer hockert, der hockert. Wer es nicht tut, der lässt es bleiben.“

Die Idee, aus einem Möbelstück ein Sportgerät zu machen, kam Stephan und seinem Bruder in der Uni: „Während meines Studiums in Kiel ist mal jemand über einen Hocker gefallen. Ich glaube, das war der Anfang“, erinnert sich Stephan, der passionierter Skater und Snowboarder ist. Seine ersten Sporthocker bastelte der heute 30-Jährige aus Plastik, das er mit Gaffa-Band und Alustreben verstärkte.

Als er 2008 nach dem Studium nach Berlin zog, brachte er auch die Hocker in die Hauptstadt. Selbst zur Physiotherapie würden die Geräte inzwischen eingesetzt, sagt Stephan. Nächste Woche wird er das Hockern mit einer Seniorensportgruppe ausprobieren – eine ältere Dame ist im Park auf ihn aufmerksam geworden. Hockern, das sei doch cooler als Schach.

Planking: Leg dich wieder hin

Für mich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis dieser faszinierende bewegungsarme Sport olympisch wird“, sagte Oliver Welke, Moderator der „heute-Show“. Pünktlich zum Sommeranfang hatte der ZDF-Moderator einen eigenen Trendsport kreiert: Welking. Dazu muss man den Oberkörper auf den Schreibtisch legen und die Arme baumeln lassen. Und sich dann fotografieren lassen. Der Gaga-Sport war Welkes Antwort auf Planking.

Auch beim Planking lässt man sich fotografieren: platt wie eine Planke, den Blick starr zum Horizont gerichtet. Anders als beim Welking gibt es nicht nur in Deutschland Nachahmer, sondern in der ganzen Welt: Planker posieren auf Tischtennisplatten, auf Polizeiwagen und sogar im OP-Saal. Selbst Stars wie Katy Perry machen mit – und veröffentlichen die Beweisfotos auf Facebook, Tumblr oder Twitter.

„Planking hat Potenzial“, sagt Sportwissenschaftler Harald Lange. „Es ist einfach und man hat diese soziale Rückmeldung. An geheimen Orten gibt es kein Planking. Es muss ja einer sehen, sonst macht es keinen Sinn.“ Das Spannende sei eben, ob man sich traue oder nicht. Planking gehört zu den sogenannten Internet-Memen, zu Phänomenen, die sich durchs Internet rasend schnell verbreiten, dank „Gefällt mir“- und „Hype“-Button. Seit in Australien ein 20-jähriger beim Planking-Versuch auf einem Balkon tödlich verunglückte, warnt das Planking-Reglement in der Facebook-Gruppe: „Setze dich niemals einem übertriebenen Risiko aus!“

Einiges spricht dafür, dass Planking ein kurzlebiger Trend ist, der schnell so langweilig wird, wie YouTube-Videos von süßen Katzen oder lachenden Babys. Laut www.knowyourmeme.com wurden mit Ende des Sommers auch weniger Planking-Bilder veröffentlicht. Zur dunkleren Jahreszeit hin sei nun das sogenannte Owling im Kommen. Dabei muss man in die Hocke gehen und in die Kamera starren. Wie eine Eule.

Blackminton: Alles ist erleuchtet

Ein leuchtender kleiner Gegenstand fliegt auf mich zu, ausweichen darf ich nicht. Ich stehe auf einer Wiese im Park, es ist stockdunkel. Meine Schwester setzt zum Aufschlag an. Ihre Bewegungen sind nur schemenhaft zu erkennen. Nach 22 Uhr abends auf einer Wiese hinter einem Ball herzuspringen, den ich nur mit Mühe erkennen kann – das ist verrückt. Der Aufschlag ist mehr zu hören, als dass ich ihn sehe. Der neonfarbene Federball kommt rasend schnell auf mich zu.

Im Hellen heißt das, was wir machen, Speedminton, eine Art Federball mit Squash-ähnlichen Schlägern. Sie entfalten viel mehr Druck als herkömmliche Badmintonschläger. Das Spiel ist schneller, man muss wendiger sein. Im Dunkeln wird daraus Blackminton. Bevor wir es nach Einbruch der Dunkelheit zum ersten Mal spielen, musste ich im Schein meiner Handybeleuchtung eines dieser kleinen Knicklichter, die Grundschüler für 20 Cent am Kiosk kaufen, in ein dafür vorgesehenes Loch im Spielball stecken.

Echte Blackminton-Profis tragen bei ihren nächtlichen Matches eine Kriegsbemalung aus fluoreszierender Schminke in Neonfarben, die im Schwarzlicht leuchtet. Wir haben uns nicht angemalt und spielen ohne Schwarzlicht – das ferne Leuchten der Straßenlaternen ist unsere Stadionbeleuchtung. Nach dem ersten Satz gewöhnen sich unsere Augen langsam an die Dunkelheit: Wir erkennen das Knicklicht mit Federball, wie es, einem kleinen Glühwurm ähnlich, zwischen unseren Schlägern hin- und herpendelt.

Ein Spielfeld haben wir uns nicht abgesteckt – wir freuen uns, wenn ein Ball den Gegenspieler erreicht. Es macht Spaß, sportlich zu sein, wenn andere schlafen. Jeden Abend im Park zu spielen kann ich mir nicht vorstellen. Statt eines Absackers nach der nächsten Party einfach eine Runde Blackminton zu spielen und danach ausgepowert ins Bett zu fallen, schon eher.

Elektro-Skateboards: Läuft!

Laurens und Robert brauchen keinen Anschwung, kein Gefälle – ihr Skateboard fährt einfach los. Mit einer Fernbedienung steuern die Schüler ihre elektronischen Boards durch die Wedemark. Verlagern sie das Gewicht zur Seite, ändert es seine Richtung. Ansonsten hat das elektronische Fahren mit dem analogen Skaten nicht viel zu tun. Die Skateboards haben die zwei aus China importiert – für rund 500 Euro.

Als Laurens mir zeigt, wie ich auf dem Brett richtig stehe, „Beine leicht geknickt, Gewicht nach vorn verlagern“, fehlt mir das Skate-Gefühl. Ich kann das Board aus eigener Kraft kaum hochheben. Langsam entwickele ich ein Gefühl für die Fernbedienung, für das Board. Mit Helm und Knieschützern fahre ich den Feldweg hinunter. Das erinnert mich mehr an ein Snowboard als an ein schmales Longboard, mit dem ich jeden Stein, jede Unebenheit spüren würde. Die dicken Reifen dieses Skateboards federn Stöße besser ab. Der Elektromotor summt, ich gewinne an Fahrt, spüre den Wind im Gesicht – Geschwindigkeit macht Spaß. Ich genieße es, einfach zu fahren, ohne Anschwung geben zu müssen. Weil es immer geradeaus geht, kann ich sehen, was um mich herum passiert.

Robert macht stattdessen Vollbremsungen im Schotter. Skater-Tricks wie einen Ollie oder einen Kickflip, also eine 360-Grad-Drehung, kann er mit dem Board nicht machen – denn es ist zu schwer zum Fliegen. „Im Sommer fahren wir mit den Boards auch mal zur Schule oder zum Einkaufen in den Nachbarort“, erzählt Laurens. Und am Wochenende gehen sie zusammen skaten. „Besonders cool ist das natürlich, wenn wir freie Fahrt haben.“ Erst vor Kurzem haben die Schüler sich mit Moosgummi und Kleber einen LED-Strahler unter das Skateboard gebaut – damit können sie in den Wintermonaten auch vor Sonnenaufgang zur Schule skaten.

Alisa Schellenberg

Qualitätssiegel für innovative Bewegungsgeräte